P. D. Ouspensky - Der Vierte Weg

Leseprobe:


F: Sie sagten, unser Ziel solle der Erwerb von Selbst-Bewusstsein sein. Dieses Ziel scheint aber zu hoch für mich, denn ich weiß nicht, was Selbst-Bewusstsein ist. Wie kann ich die Idee eines richtigen Ziels besser begreifen?

 

A: Sie sollten in der Lage sein, die Frage des Ziels zu begreifen – nicht notwendigerweise fähig sein, eine Antwort zu geben. Es gibt im Allgemeinen nur ein Ziel, egal ob groß oder klein. Durch Ihre Versuche, sich selbst zu studieren, sollten Sie bereits zu einigen Erkenntnissen gelangt sein, und auf der Grundlage dieser Erkenntnisse sind Sie vielleicht in der Lage, Ihr Ziel zu formulieren. Lassen Sie es uns folgendermaßen angehen – können wir sagen, dass unser Ziel die Freiheit ist, dass wir frei sein wollen? Und können wir sagen, dass wir gegenwärtig nicht frei sind? Dies reicht für eine allgemeine Formulierung aus. Wenn wir mit dieser Formulierung beginnen, werden wir immer fähig sein, zu sehen, wo wir stehen: Wir werden fähig sein zu sehen, inwieweit wir nicht frei sind, worin wir gerade freier werden. Jeder muss diese Idee des Fehlens von Willen individuell studieren. Mit anderen Worten muss jeder in der Lage sein zu sehen, auf welche Weise er nicht frei ist. Es reicht nicht, sich an Worte zu erinnern: „Ich bin nicht frei“. Man muss erkennen, dass man sich in jedem Augenblick seines Lebens zu einer Sache entschließt und eine andere ausführt, dass man an einen Ort gehen möchte und in Wirklichkeit zu einem anderen geht und so weiter. Dies darf wiederum nicht buchstäblich genommen werden, sondern jeder muss seine eigene, ihm eigentümliche Form des Mangels an Freiheit entdecken. Wenn jeder das erkennt, wird es leichter sein, darüber zu sprechen. Dann wird jeder verstehen, dass er ein Sklave ist, und er wird sehen, was ihn in Wahrheit lenkt und beherrscht. Dann wird es leicht zu begreifen sein, dass das Ziel Freiheit ist; aber solange es rein theoretisch bleibt, wird es keinem nützlichen Zweck dienen. Es wird unserer Absicht zu verstehen, was wir wollen, nur dann dienen, wenn wir diese Sklaverei individuell erkennen, in unserem eigenen Leben, durch unsere eigene praktische Erfahrung. Jeder von uns muss herausfinden, worin er nicht frei ist. Er möchte wissen – und er kann nichts wissen.; entweder hat er keine Zeit oder er verfügt über kein vorbereitendes Wissen. Er möchte sein, er möchte sich seiner selbst erinnern, er möchte auf eine bestimmte Art «tun», aber die Dinge ereignen sich anders als er es wollte. Wenn er das erkennt, wird er sehen, dass sein Ziel Freiheit ist; und um frei zu sein, muss man bewusst sein.

 

Sphinx Verlag, Basel, 1983, S. 48